Auf zum „Belvedere“. Zur heißen Quelle. Auf einer Sandpiste aus Touzeur hinausschlendern. Einem kleinen Bach folgend. Die Quelle kommt aus einem großen Rohr (vermutlich 24 km weit hergeleitet). Das Wasser sprudelt in einen kleinen malerisch gelegenen Tümpel. Ein Dutzend einheimische Männer nehmen dort ein Bad. Ich will die Idylle nicht stören und schlendere weiter. Hin zu dem großen grossen Sandsteinhügel, von dem aus man zum einen auf Touzeur blickt und zum anderen über eine Ziegelei hinaus ins die Wüste.

Der Platz animiert zum inneren Einhalt. Man blickt auf das Unglaubliche, auf die Entstehung einer virtuellen Realität, auf ein Areal prachtvolle Bauten, die mit dem restlichen Leben hier nicht viel gemein haben: auf ein erhabenes Touristen-Ghetto, welches so viel Wasser verbraucht, dass außerhalb die Palmen verdorren.

Ich beschließe, durch den Wüstensand am Stadtrand Touzeurs entlang zu wandern und mich vom Süden her in die Stadt treiben zu lassen. „Heißer Sand und die Erinnerung an Dich“ fällt mir ein. Vermutlich, weil man in der Wüste nur die Träume beschwören kann und die Erinnerung davor bewahren muss, als Fata Morgana entlarvt zu werden. Weil man auch im relativen Schutz der Oase nur die universelle Einheit beschwören oder an expansive Kriege denken kann. Oder lustvoll zwischen beiden Extremen zu schwanken beliebt.

Ich schlendere durch den Randbezirk Richtung Zentrum. Nettes bürgerliches Ambiente. Rege Bautätigkeit. Schöne bauliche Stilelemente sind Ziegelornamente und – wer sich´s leisten kann, verziert sein Entré mit schönen Keramik-Kacheln. Es ist Mittagszeit und unzählige Kinder und Jugendliche strömen von der Schule Richtung Mittagstisch. Gerne würde ich unsichtbar folgen um zu sehen, wie der Alltag bei ihnen zu Hause aussieht. Manche grüßen arg lieb und andere blödeln mich kess an. Die Mädels entpuppen sich als frecher als die Jungs.

Das Outfit der Schüler ist ziemlich brav und adrett. Insgesamt aber sieht man in Touzeur die gesamte Palette an Kleidungsformen. Demonstrative Nobel-Berber-Kleidung bei touristischen Dienstleistungen: bei armen Kutschern genauso wie bei den Chauffeuren der sündteuren Allradautos der diversen Tourismus-Agenturen. Alltags-Berber-Kleidung in der Altstadt, gemischt mit einer legeren Kleidung, die auch ein südfranzösischer Winzer tragen könnte sowie ein einfacher, sauberer Kleidungsstil mit Kopfbedeckung, der auf ein religiöses Denken schließen lässt. Daneben gibt es noch Beamte und die sozio-ökonomische Oberschicht. Sie folgt universellen Kriterien: wer dazu gehören will, muss es sich leisten können, staub und schweißfrei zu bleiben. Das gilt in der Technologie-Wüste einer internationalen Luftfahrt-Ausstellung, wie der ILA in Berlin (insbesondere in den Chalets von Daimler, Bombardier, Bell/Tectron, etc.) genauso, wie in einer Oase inmitten einer Sand-Wüste. In beiden Fällen ist das nicht so einfach zu bewerkstelligen.

Die holde Weiblichkeit bekommt man hierzulande nicht sooooo häufig zu sehen. Aber doch. Völlig verschleierte Frauen sieht man selten. Vermutlich wäre der Anteil sehr hoch, wenn all die, die zu Hause bleiben, auf die Straße gingen. Zumeist tragen Frauen Hosen und Hosenanzüge. Häufig auch mit erstaunlichem Chic. Ab und an sieht man auch Frauen mit kniefreien Röcken (und saisonbedingtem Mantel darüber), zumeist aber in Begleitung ihres Angebeteten. Man(n) kann sich aber auch wundern. Ein jugendliches Gör, welches mit einem Moped durch die Altstadt düst. Eine resolute, aber sehr nette Tante im Internet-Cafe, die kompetent das Netzwerk betreut. Die gemischte Jugendlichkeit dort ist aber weniger an realem als an virtuellem Kontakt interessiert.

Nach meiner Wanderung war ich sehr, sehr – nein, nicht müde – sondern hungrig. Ich liebe es, dann die kleinen tunesischen Garküchen aufzusuchen und regionale Köstlichkeiten zu probieren. Heute: Kamounia, ein goulaschähnliches Gericht aus Innereien und/oder verschiedenen Fleischsorten.

Nun kurz noch zum Tagesgeschehen. Habe Ali aufgesucht. Sage Euch: der wirklich Wagemutige, der letztendliche Scheißmichnix, ist nicht der, der sich mit High-Tech-Equipment aus dem Flieger schmeißt, sondern der, der hinter Ali auf dem Moped durch Touzeur düst. Links- oder Rechtsverkehr kennt der nicht, Ausweichmanöver werden nur in äußerstem Notfall gestartet und wenn er wo vorbeifährt, zieht man eher die Ohren ein, um sich keine Abschürfungen zuzuziehen. Mit ihm habe ich alle anstehenden Erledigungen absolviert.