Der muslimische Gott ist groß  – desgleichen Tozeur, vor allem wenn man´s zu Fuß erlatscht. Habe heute gleich um die Ecke die Touristen-Chaussée verlassen, bin zur Bergkuppe über dem großen Friedhof, von der aus man einen guten Blick über Tozeur hat und wo einem die diversen Minaretts als Blickfang und Orientierungshilfe dienen. Von dort hinab in einen Stadtteil, in dem es sehr viele Tischlerwerkstätten gibt und in dem es gut nach frisch bearbeitetem Holz riecht. Hauptprodukte sind Betten und Sitzgarnituren, aber auch der eine oder andere Pick-Up bekommt einen Aufbau aus gedrechseltem Holz verpasst.

Ästhetik hat hier scheints ihren eigenen Wert. Dass Straßenkreuzungen mit aufwendigen Skulpturen, teils mit kostbaren Mosaiken, teils mit künstlerisch gewagten Formen und Materialien gestaltet werden, mag nicht so außergewöhnlich erscheinen. Dass aber am Ortsende von Tozeur, an der Ausfallstraße Richtung Metlaoui, kurz vor Beginn der puren Wüste, zur Rechten eine kleine, in kunstvoller Ziegelornamentik gestaltete Pyramide, innen hohl, mit Torbögen in vier Richtungen, steht, verwundert den aufmerksamen Betrachter. Keinerlei religiöse Symbole, die Ausrichtung der Durchlässe ist nicht identisch mit der der Gräber und somit auch kaum mit der der Himmelsrichtungen und ringsum wird dem Sand ein kleiner gepflegter Garten abgerungen. Die Frage nach der Funktion des Gebäudes beantwortete ein Anrainer mit: „c´est seulement pour la form“.

Der Ortskundige merkt, dass es mich ans andere Ende der Stadt verschlagen hat. Wir befinden uns im Norden und hier gibt es einige sehr luxuriöse Villen zu bestaunen. Immer wieder erlebe ich in orientalischen Städten, dass die nördliche Seite die „bessere“ ist. Zufall oder in Denkmustern begründet? Daran, dass die Südseite die schönere, weil hellere, sonnigere ist kann es kaum liegen, weil sich in dieser klimatischen Zone kein denkender Mensch eine Terrasse Richtung Süden baut. Also doch Zufall? Aber ist der Zufall, wie der Systemtheoretiker Luhmann meinte, nicht vorstrukturiert?

Nun gut, ich lasse mich am äußersten Stadtrand nieder, lehne mit dem Rücken gegen ein geschlossenes Geschäftsportal und beobachte Kinder, die in der hier beginnenden Wüste spielen. Ein kleines Gör nimmt zwei Finger in den Mund und pfeift die Mitspieler zu sich. Es ist 14:00 und Horden von Jugendlichen strömen auf dieser Stadtrandstraße von der Schule nach Hause. Alle sind urlieb und machen einen behüteten und gepflegten Eindruck (Vielleicht sollten wir unsere Kids hier auf Schüleraustausch herschicken!?).

Während ich da so sitze, habe ich mehrfach das Erlebnis der besonderen Art: der Himmel speit bunte Hunde und schräge Tanten aus und danach kommt im Tieflug ein Vogel mit fletschenden Zähnen gerade auf mich zugeflogen. Es ist die „Pink“, die unsere Fallschirmspringer abgesetzt hat und die kurz vor mir abschwenkt und Kurs auf die Rollbahn nimmt. Alsdann Wanderer, kommst du nach Tozeur und es begegnet Dir halbstündlich ein seltsamer Vogel, dann grüß´ mir die Flugsportler, die Du am Flugplatz oder im „Rais el Ain“ finden wirst.