Nun, wenn’ s Euch interessiert, so lauscht meinen orientalischen Erzählungen aus 2001 Wirklichkeiten:

Bin heute mit dem Sammeltaxi, einer „louage“, für 1 Dinar ins 24 km entfernte Nefta. Religiöse Hochburg der Region. Nur 15.000 Einwohner, aber mehr als 20 Moscheen und angeblich 100 Gräber heiliger Marabuts. Der einzige Pilger jedoch bin ich selber. Die heiligen Stätten sind verschlossen und wären wohl auch für Nicht-Muslime nicht so einfach zugänglich. Es ist einfach so gar nix los hier. An einigen religiösen Festtagen ist hier aber, wie einem alle erzählen, nicht nur der Bär los, sondern da tanzen auch die Sufis. Ein Königreich für tanzende Derwische!

Traditionelles Brauchtum und religiöse Feste richten sich eben nicht an touristischen Quickies aus. Auch wenn es da mitunter nette Zufälligkeiten gibt. Sie orientieren sich wohl eher an jahreszeitlichen Besonderheiten, wie landwirtschaftlichen Zyklen und den ihnen zugrunde liegenden klimatischen Bedingungen. Und weil wir uns an Letztere auch als Reisende gerne halten, fällt auch im April das dreitägige „Fest der Sufis“ mit dem Beginn der touristischen Hochsaison zusammen. Womit eines geklärt wäre: Jetzt ist nicht die Zeit für Heiligkeit.

Der schwierige Zugang zu den Marabut-Heiligtümern zeigt wieder einmal auf’s Neue, dass man fremde Kulturen nicht im Vorbeigehen verstehen kann. Auch dann nicht, wenn man sich redlich darum bemüht. Man braucht Zeit, sei es für eine ausreichende Vorbereitung zu Hause (in unserem Fall über den Islam und sein spannendes Verhältnis zu ererbter und erworbener Heiligkeit von verstorbenen aber auch von lebenden Menschen), sei es für das Erlernen der jeweiligen Sprache und man braucht schließlich Zeit & Knete um den richtigen Zeitpunkt abwarten zu können, an dem erhellende Ereignisse stattfinden. Zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort sein. Es gibt Meister in diesem Fach. Ich gehöre nicht wirklich dazu.

In Nefta nun wandelte ich heute auf sandigen Wegen, in schmalen, zumeist leeren Gassen, aufgehalten mitunter durch Sackgassen im Labyrinth organisch gewachsener Lebensräume, die ab und an unerwartete Einblicke in privaten Raum gewähren, abseits der asphaltierten Trampelpfade mit ihren einheimischen Glücksrittern.

Es weht ein kalter Wind, der den Sand vor sich her treibt und ich genieße schließlich einen sonnigen Platz in einem Terrassencafe, von dem aus ich einen herrlichen Blick über die Oase, die in einer Senke gelegenen Palmgärten und die in privilegierter Lage am Saum des Beckens gelegenen Marabut-Mausoleen, habe. Der stets stark gebraut und gezuckerte „thé a la menthe“, eine Köstlichkeit, versüßt mir mein Dasein.

Auf meinem Rückweg über die Peripherie Neftas erliege zum wiederholten Male einer Sinnestäuschung: ich glaube, aus den Augenwinkeln heraus einen großen schwarzen Vogel vorbeifliegen zu sehen. Keine Sorge, mein Unbewußtes spielt (noch) nicht so verrückt, dass es „Komm schwarzer Vogel“ von Ludwig Hirsch visualisiert. Nein, es ist wieder einmal eines der hundertausenden schwarzen Plastiksackerln, die alle im öffentlichen Raum entsorgt werden und die bisweilen vom Wind durch die Lüfte getrieben werden.

An der Friedhofsmauer ist eine alte Frau um Aufräumarbeiten bemüht: sie läßt die landesüblichen schwarzen Tragtaschen zusammen mit den gleichfalls das Land überziehenden leeren Kunststoff-Mineralwasserflaschen in Flammen aufgehen (eine ungesunde Praxis, die mir auch aus ganz Ostafrika vertraut ist). Die Bemühungen der alten Dame sind rührend, aber umsonst: schwarze Säcke prägen allenthalben das Landschaftsbild. Auf der Rückfahrt nach Tozeur etwa hängt in nahezu jedem der beidseits der Straße gegen den Wüstensand gepflanzten Sträucher zumindest einer dieser schwarzen Zivilisationsvögel: die Wüste ruft und der Müll kommt!