Regionen:
Iran/Afghanistan, Süd-Arabien, Nord-Afrika

Inhalte:
islamische Heiligkeit, Charisma, religiöse Eliten, Ethnizität

Theorien:
Religionssoziologie, Systemtheorie

Die Bedeutung der Sufi-Orden für die islamischen Gesellschaften ist in der Fachliteratur häufig gewürdigt worden. Nonchalant übergangen wurde indes zumeist die Rolle jener erbcharismatisch qualifizierten Gruppen, die keinen Orden angehören und die dennoch aufgrund ihrer heiligen Statusposition zentrale gesellschaftliche Funktionen ausüben: Vergemeinschaftung profaner Verwandtschaftsgruppen, Supervision des sozialen und religiösen Verhaltens, Prävention von und Intervention bei Konflikten, Definition religiöser und kultureller Werte, etc. Diesen Phänomenen und insbesondere ihren sozio-ökomomischen Grundlagen sind die meisten meiner wissenschaftlichen Publikationen gewidmet.

Sakrale Vergemeinschaftungen rund um Sayyeds und andere lebende “Heilige” bilden keine pittoresken Einzelphänomene islamischer Gesellschaften, sondern einen zentralen soziokulturellen Aspekt dieser Weltreligion. Entsprechend basiert auch die Gegebenheit, daß so heterogene Führungspersönlichkeiten wie etwa der Imam Khomeini, König Hussein von Jordanien, König Hassan von Marokko, Gaddhafi oder gar Saddam Hussein ihren Führungsanspruch u.a. auch mit einer Sayyed-Abstammung legitimierten (oder zu legitimieren versuchen) auf tief verinnerlichten kulturellen Idealen legitimer islamischer Herrschaft.

Durch die gesellschaftlichen Entwicklungen in Folge von Industrialisierung und Welthandel, die in Kombination mit der Überzeugungskraft der Petro-Dollars eine “Entzauberung” des traditionellen islamischen Denkens und gesellschaftlichen Handelns ausgelöst haben, wird dieses Phänomen im Bewußtsein manch neuer Eliten verdrängt. Sie intendieren die Entmachtung der traditionellen Eliten, kommen aber letztendlich nicht umhin, den in den Bevölkerungen tief verwurzelten Vorstellungen von legitimer islamischer Herrschaft Rechnung zu tragen.

Die Dynamiken dieses ambivalenten Wechselspiels bilden einen faszinierenden Aspekt gegenwärtiger islamischer Entwicklungen und bilden deshalb auch weiterhin einen Schwerpunkt meines Forschungsinteresses.