Du hast keine Chance, aber nutze sie. (Achternbusch)

Kategorie: Tunesien 2001

Tage danach

Die orientalischen Weisen sind verklungen. Eine spontane Session befreundeter Musiker haben sie verdrängt. Das ist gut so. Die Gegenwart hat wieder Platz. Vielleicht sogar die Zukunft. Auch so trägt Musik. In Kombination mit Freundschaft ist sie ein besonderes Elixier. Sie füllt das müde pochende Herz.

Dennoch. Etwas ist geblieben. Vergangenheit als Vergleichsmaßstab. Und der führt zu Reue, Unbehagen und Ärger.

Reue, weil auch ich mich hin und wieder über die geschäftstüchtige Anmache der tunesischen Tourismus-Glücksritter mokiert habe. Weil ich sie nicht ausreichend vor ähnlichen Kommentaren meiner Gesprächspartner in Schutz genommen habe.

Unbehagen darüber, dass wir ein Vielfaches an Anmache tagtäglich im Fernsehen apathisch hinnehmen. So schnell können wir gar nicht weiter zappen, dass wir nicht schon eine Ladung abbekommen hätten. Pikiert über zwischenmenschliche Kontaktanbahnung, doch Beine und alle Körperöffnungen breit, für alle möglichen Arten werblicher Penetration durch irgendwelche Prominente, durch mehr oder weniger subtil aufgebaute Botschaften. Sie alle hämmern in die ausgelaugten Schädel: kaufe, kaufe, kaufe, mehr, mehr, mehr! Wie harmlos ist dagegen das freundliche „Hallo! Deutsch? Englisch? Kommen Sie – nur gucken, gucken nix kosten!

Ärger über den Schwachsinn, den wir zwischen den Werbeblöcken hinzunehmen gewillt sind. Wenn die Birne schon mal weich ist, muss man sie auch weich halten. Rappelt man sich gerädert auf, rast schon wieder eine Stampede von Sitcoms und durch die Gegend ballernden Marionetten über einen hinweg. Kanalwechsel. Dito. Verzweiflung und der Wunsch woanders zu sein. Doch wo?

Es liegt mir ferne, geringer industrialisierte Länder zu romantisieren. Deren oberflächliche Idylle trügt stets. Im Alltag geht es um Kohle & Besitzstände. Um den besseren Deal. Allerorten. In allen Systemen. Tagein – Tagaus.

Okay, die europäischen Industriestaaten erreichen mit der Kombination erstklassiger beruflicher Qualifikation ihrer Bürger (als Arbeitnehmer, Selbständige, Scheinselbständige, Arbeitslose) und der Utilisierung des enormen Restpotentials an menschlichem Schwachsinn (Konsumenten) ein beachtliches Wirtschaftvolumen. Sie finanzieren damit ein veritables Sozialsystem. Respekt. Ehrlich. Die Bürger anderer Länder können davon nur träumen. Und sie tun es. Ausgiebig.

Was sie zumeist nicht sehen, ist der hohe Preis, der dafür zu zahlen ist: Wir schaffen zu Lasten schöngeistiger, sozialer und innerer Werte den kaltschnäuzigen „homo ökonomicus“ (vor dem mir graut). Der dreht unentwegt an der Spirale von Leistungssteigerung und Effizienz (Zeitmanagement-Kurse werden im übrigen auf großen Transparenten jetzt auch schon auf der Insel Djerba angeboten). Die Geschwindigkeit nimmt Atem beraubend zu. Wir bewirken so jährliche Steigerungen des Wirtschaftswachstums und fahren gleichzeitig das Sozialsystem, die vielleicht wichtigste soziokulturelle Errungenschaft des 20. Jahrhunderts, drastisch zurück. Toll.

Unser Zeitgeist fördert das Geschäft. Wohlstand schafft Frieden. Regional. Besänftigt die Gemüter. Derer, die partizipieren. Die übrigen Brüder und Schwestern – und einige von uns, denen das nicht genügt – werden auch in Zukunft von Sonne und Freiheit träumen. Und das gelegentlich einfordern. Dann wird die Zeit eine Pirouette drehen und wir werden demütig vor ihr das Haupt neigen.

zurück

Im Sammeltaxi nächtlicher Traumbilder pendle ich zwischen den Welten. Die Rhythmik orientalischer Schalmeien und Trommeln begleitet mich. Aus dem Dunkel der Nacht taucht eine Karawane von Szenen auf und ich weiß nicht, wo ich wirklich bin.

Lost in time, lost in space, lost in cultures.

Schlaftrunken in einem sich vertraut anfühlenden Bett, traumwachend durch die Landschaft gleitend, bin ich froh nun in einem Taxi zu sitzen, in dem die von den weiten Wegen schweren Beine ihre Ruhe finden.

Krähen zerpflücken die Bilder meiner Erinnerung.

Da ist diese Musik im Ohr und da sind diese neuen Bilder. Orientierungsprobleme. Comicartige “Weltnachrichten” über den Opernball. Ich schwanke zwischen dem hier und dem dort und entscheide mich für das dort. Ich folge der Musik. Sie trägt mich – immer noch.

Szenenwechsel.

“Die Karawane zieht weiter, der Sultan hat Durst”. Zeigefinger kreisen und bestellen Runden von schnell versickerndem Bier. Industriewüsten sind durstig. Gesichter von Freunden tauchen auf. Ich winke. Sie sprechen zu mir. Ich höre nichts. Zu laut. Ich wandere heimwärts und eine mir gleichfalls vertraute Musik mischt sich neckisch unter die Schalmeien.

Kölle Alaaf. Das Leben ist ein Karneval.

Impressionen

Musik trägt mich aus der Oase hinaus und über das Schott. Orientalische Musik. Frauenstimmen, die vermutlich ihre unerfüllte Liebe besingen.

Kann man auf dem Gefühl unerfüllter Liebe schweben? Sie traegt. Kann einem die Wehmut ein Wasserbett bereiten, dessen Wellen dich dahintreiben, über das Land, die Berge, abgehoben von allen Distelbüschen, Coca-Cola-Stränden und Polizeistationen? Sie kann, es fliegt im Windschatten des Bildes, das ich vor Augen habe. Kann die kunstvolle Modulation dieser auf zarten Händen durch mein Innerstes hindurch getragenen Stimme besänftigendes Wiegenlied und Aufwind meines Fliegenden Teppichs sein? Ihr Klang spielt mit den Kordeln meines abenteuerlichen Vehikels, ihr Atem weist ihm den Weg. Gehört ihre Stimme zu den dunklen Augen, die mir das kurze unvergessliche Lächeln geschenkt haben, zu diesen Leuchttürmen meines Lebensweges, dem matten Glanz des Luftschiffes meines Selbst, dem Schimmern in meiner Seele, zu diesen immer wieder aufstiebenden Funken meiner Hoffnungen? Wo sind sie hin?

In diesem Tragflügelboot großer Gefühle schwebe ich über das weite Land. Es trägt mich mit all meinen Träumen und Fantasien von Fülle und Schönheit, von Frauen und Freundschaft, von Gesundheit und Wohlergehen, von Wollen und Bleiben lassen, über den weiß auskristallisierenden Salzsee hin zu den vielfältigen Farbschattierungen der Sandwüsten des südlichen Tunesiens, von Tozeur nach Douz. Hin zu jenem legendären Wochenmarkt, an dem sesshafte, halbsesshafte und gar nicht sesshafte Volksgruppen dieser Region ihre Hoffnungen zu Markte tragen. Sie kommen mit Pickups voller Pferde und Maultiere, Schafe und Ziegen, Geschaffenem und Erworbenen. Was werden sie bei ihrer Rückkehr berichten können? Welche Lieder werden sie des Abends singen?

Ich streune durch die Gegend und bewundere Haltung, Pose und Trachten älterer Männer. Die Posen werden bleiben. Haltungen vielleicht. Die Vielfalt und der Reichtum an kulturellen Formen wird weichen. Die Emanzipation der Geschlechter, der sozialen Schichten, der Altersgruppen hat ihren Preis. Die Formen sind stets symbolhaft mit Inhalten verknüpft. Es wird lange dauern, bis man alte Formen mit neuen Inhalten wird bereichern können. Sofern man sich ihrer dann noch entsinnt.

Zum Bersten gefüllt, begebe ich mich auf den Rückweg. Ich reite auf einem weißen Esel durch die Palmerien der Wolkenhaine. Ich bin der Großwesir der Illusionen, der Prophet des ewigen Vergessens, ein prall gefüllter Luftballon voller Verletzlichkeit, der Geist aus dem Tonkrug. Ich entweiche, sobald Deine Stimme mich berührt, sich meine Wehmut ausbreitet, mein Teppich das Flattern bekommt.

Tozeur: Kulinarisches

Freunde der Wüste, der Mensch lebt auch in Tunesien nicht von Heiligkeit alleine. Deshalb will ich Euch heute etwas über die wohlschmeckende und kontemplative örtliche Fastfood-Tradition berichten.

Pauschaltouristen werden in ihren Hotels in einer merkwürdigen, meist durchaus wohlschmeckenden Mischung aus Pommes-, Spaghetti-und Couscous-Buffet-Kultur verköstigt. Solcherart überreichlich gesättigt hält sich das Bedürfnis nach Exkursionen in die örtliche Kulinarik offenkundig in Grenzen, jedenfalls trifft man sie dort so gut wie nie an. Und es entgehen ihnen Köstlichkeiten.

Von außen betrachtet ist die Mehrheit der Imbiss-Stuben nur in arabischer Schrift oder gar nicht als solche gekennzeichnet. Im Gegensatz zu Teehäusern, die entweder Tische und Stühle direkt auf den Gehsteig stellen oder einen Terrassenvorbau aufweisen, wird man in Tozeur (bis auf eine einzige Ausnahme) niemals erleben, dass die Einnahme des Essens im öffentlichem Raum stattfindet. Die üblicherweise fensterlosen Räume sind ausschließlich zur Nahrungsaufnahme gedacht, die dem Trubel des öffentlichen Lebens sichtlich entzogen ist. Die meisten einheimischen Imbisslokale sind somit für den ortsunkundigen Fremden von außen nur schwer als solche zu erkennen.

Innen sind diese Gaststätten von der Optik her in der Regel auch nicht wirklich einladend. Geschlossene Räume ohne Fenster, häufig weitgehend ausgekachelt, vermitteln den Charme einer Sanitäranlage. In ihrer Einfallslosigkeit und der auf die reine Funktionalität der Nahrungsaufnahme reduzierten Ausstattung stehen sie der greulichen mitteleuropäischen Resopalplattenausstattung so mancher Gaststätten in nichts nach.

Zu dem seltsamen Feeling, das die Kacheln bei westlich geprägten Menschen hervorrufen, ist zu sagen, dass Ornament-Kacheln in islamischen Kulturen allgemein ein beliebtes Stilmittel sind. In Tozeur speziell fällt die vielseitige Verwendung von Keramik-Kacheln auf: die Bushaltestellen sind mit wirklich kunstvoll gestalteten, auf Keramik-Kacheln gebrannten (Landschafts-) Bildern geschmückt (was mit dem islamischen Abbildungs-Tabu bricht), alle Straßennamen und Hausnummern der Stadt sind durchgängig auf Kacheln ausgewiesen, Haustore und Eingänge privater Wohnbauten, öffentlicher Ämter wie auch kleiner Gebetshäuser sind gleichfalls gerne – zumindest andeutungsweise – ornamental ausgekachelt und haben hier ganz offenkundig den Nimbus des Wohlstandes mit bürgerlichem Schick. Die Kacheln der Imbissstuben sind demgegenüber alles andere als kunstvoll, was nicht zuletzt eine Kostenfrage zu sein scheint.

Eines ist allen lokalen Gaststätten gemeinsam: eine obligatorisch aushängende Speisekarte mit gesetzlich verbindlichen Preisen, die immer in arabischer Schrift verfasst ist. Wohl dem, der sie lesen kann. Mit ein paar Brocken Französisch und einer ausdrucksstarken Gestik kann man sich aber auch ganz gut verständigen. Speisekarten in lateinischer Schrift sind hingegen ein Indiz dafür, dass man sich in einem klassischen Touristenlokal befindet.

Üblicher Weise werden diese Imbissstuben von 2-3 jungen Männern geführt. Hinter einem extrem hohen, selbstverständlich gekachelten Tresen, der ihr Tun dem Einblick des Gastes entzieht, bereiten sie die Speisen zu. Zumeist bieten sie eine handvoll Gerichte an, die meistens auf der Variation einiger weniger Grundgerichte basieren. In ein bis drei Töpfen haben sie eintopf- bzw. gulaschartige Gerichte mit oder ohne Gemüse vorrätig. Bei Bestellung wird eine Portion in einer Pfanne aufgewärmt und gemäß der Bestellung variiert. So können etwa 1-3 Eier im Gulasch pochiert oder untergerührt, die verschiedensten Gemüse oder Bohnen zugesetzt werden. Auf jeden Fall aber wird alles auf einem Vorspeisenteller angerichtet und je nach Gericht mit diversen Saucen und Pasten, eingelegtem Gemüse, Oliven, Pfefferoni und/oder gedämpften Paprikas, und – unumgänglich – mit der aus Chillis hergestellten Harissa-Paste, kunstvoll angerichtet. Serviert bekommt man jedoch stets eine delikate Speise.

Die am weitesten verbreiteten Gerichte sind Kamounia (Fleisch und Innereien jeweils von Rind, Lamm oder Hühnchen in würziger Gulaschsauce), Keftaji (Gemüseeintopf mit Einlage aus Fleisch und/oder Leber und zumeist mit Spiegelei), Labiyya (Bohneneintopf mit Fleischstücken) und in besseren Imbiss-Stuben erhält man auch Couscous (Hartweizengries) mit Fleisch (Rind, Lamm, Geflügel oder idealiter aber nur selten erhältlich vom Kamel) und Gemüsestücken. Die Preise variieren von 0,8 – 2,5 Dinar.

Die Ausspeisung in Imbissstuben beinhaltet zumeist keinen Getränkeausschank. Reichlich knuspriges Brot und gekühltes Leitungswasser sind im Preis inbegriffen. In einigen Lokalen erhält man u.U. ein Cola oder ein Sprite, meist ungekühlt. Alkohol wird für Einheimische ausschließlich in eher übel beleumundeten Kneipen ausgeschenkt und ist in den Imbiss-Stuben üblicher Weise nicht erhältlich. Der einheimische Mann isst somit in der Garküche sein Essen, trinkt dazu ein Glas Wasser und geht dann ins Teehaus, um dort seinen Tee zu trinken.

Natürlich gibt es auch Variationen dieses Lokaltyps. Eine habe ich heute entdeckt. Eine ältere Frau betreibt mit drei jüngeren Frauen eine Garküche, die im Gegensatz zu anderen helle Fensterfronten, einen großen Küchenraum und als Abgrenzung zum Gästeraum eine Glas-Theke mit den kalten Saucen und Pasten aufweist. Transparenz zum Kochgeschehen und zur Außenwelt. Das Lokal heißt Ouled el Heish, befindet sich in der Avenue Farhad Hached, an der Ecke des Hauses Nr. 151, schräg vis a vis vom großen, ummauerten Wochen(end)-Markt. Das Essen ist sehr gut und weil hier Frauen den Betrieb leiten, kommen hier mitunter auch einheimische Frauen auf einen Imbiss vorbei.

Eine interessante Variante der allereinfachsten Art ist ein Straßenimbiss an der Außenmauer der Markthalle. Die liegt im Zentrum (auch des Touristengeschehens) in der Avenue de Bourgouiba hinter dem Brunnen aus sieben ineinander stehenden Schüsseln. Sie verköstigt v.a. die Beschäftigten der Markthalle sowie die Verkaufstalente der unzähligen umliegenden Touristenshops. Hier ist – Ausnahmen bestätigen die Regel – der Essensraum in die Gosse verlegt. Neben den üblichen Gerichten kann man sich obendrein auch in der nebenan liegenden Markthalle Fleisch oder Würstchen (Merguez) kaufen und hier grillen lassen.

Tunesien-Reisenden kann man nur empfehlen: ausprobieren! Wer Leitungswasser und Salate weglässt, geht auch gesundheitlich kein Risiko ein.

Nach der Einverleibung tunesischer Schmankerln empfiehlt es sich für einen kultivierten Menschen, den Körper in einem der vielen Teehäuser ruhen und die Seele dortselbst baumeln zu lassen. Hier trinkt Mann (und an den Tischen im Freien auch die touristische Frau) vorwiegend süßen starken grünen Tee mit frischen Minze-Blättern, den legendären „thè a la menthe“. Kaffe gibt es in Tozeur vorwiegend als sehr stark angerührten Nescafe mit cremiger Sahne. Der berühmte „Café Arab“ war leider nicht aufzutreiben.

Die Preise in Straßencafes betragen einheitlich 0,2 Dinar für Tee und 0,3 Dinar für Kaffee. Andere Preise gelten in Hotelcafes, wie dem Garten-Cafe des Hotels El Arich in der Avenue Kacem Chabbi (der einfallslosen Route, auf der fast alle Touristen aus ihren Ghettos ins Stadtzentrum einfallen). Hier findet jeder Ruhe der sie sucht, ungeachtet seiner Herkunft und seines Geschlechts. Eine wahrlich angenehme Atmosphäre. Aber Luxus kostet. Hier 0,4 Dinar für einen – allerdings vorzüglichen – Tee.

Aus allen Teehäusern abseits der touristischen Kernzone kann man völlig unbehelligt aus dem Halbschatten das Alltags-Geschehen beobachten. Etwa wie der Kellner im meist grünem Wams die Wasserpfeife (schische) präpariert und sie seinem Gast auch anschmaucht, damit sie gut zieht. Wie mehrere Männer eine Wasserpfeife teilen und diese reihum gehen lassen. Oder aber das Treiben auf der Straße. Schauen, wie die Menschen hier miteinander umgehen, wie sie sich kleiden, was sie tun und lassen. Aus der Tiefe des Lokals wird sie dabei der typische Sound der Teestuben begleiten: die Stimmen der einheimischen Gäste, die sich dort dem Kartenspiel hingeben.

Nefta

Nun, wenn’ s Euch interessiert, so lauscht meinen orientalischen Erzählungen aus 2001 Wirklichkeiten:

Bin heute mit dem Sammeltaxi, einer „louage“, für 1 Dinar ins 24 km entfernte Nefta. Religiöse Hochburg der Region. Nur 15.000 Einwohner, aber mehr als 20 Moscheen und angeblich 100 Gräber heiliger Marabuts. Der einzige Pilger jedoch bin ich selber. Die heiligen Stätten sind verschlossen und wären wohl auch für Nicht-Muslime nicht so einfach zugänglich. Es ist einfach so gar nix los hier. An einigen religiösen Festtagen ist hier aber, wie einem alle erzählen, nicht nur der Bär los, sondern da tanzen auch die Sufis. Ein Königreich für tanzende Derwische!

Traditionelles Brauchtum und religiöse Feste richten sich eben nicht an touristischen Quickies aus. Auch wenn es da mitunter nette Zufälligkeiten gibt. Sie orientieren sich wohl eher an jahreszeitlichen Besonderheiten, wie landwirtschaftlichen Zyklen und den ihnen zugrunde liegenden klimatischen Bedingungen. Und weil wir uns an Letztere auch als Reisende gerne halten, fällt auch im April das dreitägige „Fest der Sufis“ mit dem Beginn der touristischen Hochsaison zusammen. Womit eines geklärt wäre: Jetzt ist nicht die Zeit für Heiligkeit.

Der schwierige Zugang zu den Marabut-Heiligtümern zeigt wieder einmal auf’s Neue, dass man fremde Kulturen nicht im Vorbeigehen verstehen kann. Auch dann nicht, wenn man sich redlich darum bemüht. Man braucht Zeit, sei es für eine ausreichende Vorbereitung zu Hause (in unserem Fall über den Islam und sein spannendes Verhältnis zu ererbter und erworbener Heiligkeit von verstorbenen aber auch von lebenden Menschen), sei es für das Erlernen der jeweiligen Sprache und man braucht schließlich Zeit & Knete um den richtigen Zeitpunkt abwarten zu können, an dem erhellende Ereignisse stattfinden. Zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort sein. Es gibt Meister in diesem Fach. Ich gehöre nicht wirklich dazu.

In Nefta nun wandelte ich heute auf sandigen Wegen, in schmalen, zumeist leeren Gassen, aufgehalten mitunter durch Sackgassen im Labyrinth organisch gewachsener Lebensräume, die ab und an unerwartete Einblicke in privaten Raum gewähren, abseits der asphaltierten Trampelpfade mit ihren einheimischen Glücksrittern.

Es weht ein kalter Wind, der den Sand vor sich her treibt und ich genieße schließlich einen sonnigen Platz in einem Terrassencafe, von dem aus ich einen herrlichen Blick über die Oase, die in einer Senke gelegenen Palmgärten und die in privilegierter Lage am Saum des Beckens gelegenen Marabut-Mausoleen, habe. Der stets stark gebraut und gezuckerte „thé a la menthe“, eine Köstlichkeit, versüßt mir mein Dasein.

Auf meinem Rückweg über die Peripherie Neftas erliege zum wiederholten Male einer Sinnestäuschung: ich glaube, aus den Augenwinkeln heraus einen großen schwarzen Vogel vorbeifliegen zu sehen. Keine Sorge, mein Unbewußtes spielt (noch) nicht so verrückt, dass es „Komm schwarzer Vogel“ von Ludwig Hirsch visualisiert. Nein, es ist wieder einmal eines der hundertausenden schwarzen Plastiksackerln, die alle im öffentlichen Raum entsorgt werden und die bisweilen vom Wind durch die Lüfte getrieben werden.

An der Friedhofsmauer ist eine alte Frau um Aufräumarbeiten bemüht: sie läßt die landesüblichen schwarzen Tragtaschen zusammen mit den gleichfalls das Land überziehenden leeren Kunststoff-Mineralwasserflaschen in Flammen aufgehen (eine ungesunde Praxis, die mir auch aus ganz Ostafrika vertraut ist). Die Bemühungen der alten Dame sind rührend, aber umsonst: schwarze Säcke prägen allenthalben das Landschaftsbild. Auf der Rückfahrt nach Tozeur etwa hängt in nahezu jedem der beidseits der Straße gegen den Wüstensand gepflanzten Sträucher zumindest einer dieser schwarzen Zivilisationsvögel: die Wüste ruft und der Müll kommt!

Tozeur III

Und am siebenten Tag hielt der Herr inne, vergegenwärtigte sich das Betrachtete und kam zu dem Schluss, dass es sich lohne festgehalten zu werden. Also zückte er die Digitalkamera und begab sich auf den langen Weg. Ca. zwanzig Kilometer legte er zurück, um den Seinen zu Hause ein auch ein Bild von der Fremde vermitteln zu können.

Am Beginn seiner Wanderung durch die Palmenhaine an der Peripherie Tozeurs stand das Grabmal des Marabut Sidi Aquili. Von dort entlang einer Straße durch die Plantagen mit ihrer „Mehrstockkultur, wo im Schatten der Palmen Aprikosen-, Granatapfel-, Feigen- und Orangenbäume gedeihen, unter denen wieder Gemüse angepflanzt wird“ (R.Pean) vorbei an einem weiteren Marabut-Grab bis hin zu dem am äußersten Stadtrand gelegenen Mausoleum des Marabuts Ali Bou Lifa. Es steht im Schatten eines von göttlichem Segen zeugenden riesigen „Brustbeerbaums“, den der Heilige vor 700 Jahren selber gepflanzt haben soll.

All diese muslimischen Heiligengräber sind Zeugen einer anderen Zeit. Als die Menschen an das Übernatürliche glaubten und Angehörige heiliger Abstammungsgruppen als Vermittler zu Gott und zu verfehdeten Nachbarn einsetzten. Wo der Glaube in die Segenskraft eines verstorbenen Marabut-Heiligen nicht Bäume versetzte aber physische und seelische Krankheiten heilte. In Tozeur war heute nicht viel davon zu spüren. Liegt es an der sozialistischen Prägung der letzten Jahrzehnte oder war heute schlicht kein Tag für Heiligkeit? Durch das Fenster eines solchen Mausoleums spähend konnte ich durchaus bunte Fahnenwimpel erkennen, die wohl zu bestimmten Zeiten auch heutzutage noch heraußen wehen. Ich muss daran denken, dass im ehemals sozialistischen Jemen wie auch heute unbekümmert Hunderttausende zu „ihren“ Heiligengräbern pilgern und dass ähnliches auch aus dem heutigen Marokko berichtet wird.

Der lange Marsch durch die Palmerien endet in der Altstadt, die nun meiner Dokumentationswut zum Opfer fällt. Ich mache eine Entdeckung: die Moschee im südlichen Teil ist isma´elitisch, eine muslimische Minorität also in einem sunnitisch, vorwiegend malekitisch dominierten Umfeld. Das ist nicht nur durch die Minaretts der großen Moscheen repräsentiert, sondern auch durch die vielen kleinen Gebetshäuser in den Nebenstraßen ganz Tozeurs, die stets einen sehr gepflegten Eindruck machen.

Am Rückweg schlendere ich durch einen unprätentiös modernen Stadtteil und wundere mich wieder einmal über die rege Bautätigkeit. Viele Häuser sind für den späteren Ausbau mit Betonpfeilern für ein weiteres Stockwerk präpariert. Sie ragen wie spastische Klauen empor und sind die Hoffnungsträger einer sozialen Zukunft der Bauherrenfamilie (die ihre Kinder aber in der Regel nach Tunis in die höheren Schulen schickt, weswegen der Ausbau u.U. obsolet werden könnte). Daneben sieht man viele Häuser, wo scheints seit längerer Zeit das Geld für den Weiterbau ausgeblieben ist. Auch viele Skelette von Betonbauten, die wohl für den späteren Ausbau als Geschäftslokale und Büros bereitstehen, verunzieren die Gegend. Es sind die Symbole von wirtschaftlichem Aufschwung und Niedergang, von Tod und Auferstehung gleichermaßen.

Tozeur II

Der muslimische Gott ist groß  – desgleichen Tozeur, vor allem wenn man´s zu Fuß erlatscht. Habe heute gleich um die Ecke die Touristen-Chaussée verlassen, bin zur Bergkuppe über dem großen Friedhof, von der aus man einen guten Blick über Tozeur hat und wo einem die diversen Minaretts als Blickfang und Orientierungshilfe dienen. Von dort hinab in einen Stadtteil, in dem es sehr viele Tischlerwerkstätten gibt und in dem es gut nach frisch bearbeitetem Holz riecht. Hauptprodukte sind Betten und Sitzgarnituren, aber auch der eine oder andere Pick-Up bekommt einen Aufbau aus gedrechseltem Holz verpasst.

Ästhetik hat hier scheints ihren eigenen Wert. Dass Straßenkreuzungen mit aufwendigen Skulpturen, teils mit kostbaren Mosaiken, teils mit künstlerisch gewagten Formen und Materialien gestaltet werden, mag nicht so außergewöhnlich erscheinen. Dass aber am Ortsende von Tozeur, an der Ausfallstraße Richtung Metlaoui, kurz vor Beginn der puren Wüste, zur Rechten eine kleine, in kunstvoller Ziegelornamentik gestaltete Pyramide, innen hohl, mit Torbögen in vier Richtungen, steht, verwundert den aufmerksamen Betrachter. Keinerlei religiöse Symbole, die Ausrichtung der Durchlässe ist nicht identisch mit der der Gräber und somit auch kaum mit der der Himmelsrichtungen und ringsum wird dem Sand ein kleiner gepflegter Garten abgerungen. Die Frage nach der Funktion des Gebäudes beantwortete ein Anrainer mit: „c´est seulement pour la form“.

Der Ortskundige merkt, dass es mich ans andere Ende der Stadt verschlagen hat. Wir befinden uns im Norden und hier gibt es einige sehr luxuriöse Villen zu bestaunen. Immer wieder erlebe ich in orientalischen Städten, dass die nördliche Seite die „bessere“ ist. Zufall oder in Denkmustern begründet? Daran, dass die Südseite die schönere, weil hellere, sonnigere ist kann es kaum liegen, weil sich in dieser klimatischen Zone kein denkender Mensch eine Terrasse Richtung Süden baut. Also doch Zufall? Aber ist der Zufall, wie der Systemtheoretiker Luhmann meinte, nicht vorstrukturiert?

Nun gut, ich lasse mich am äußersten Stadtrand nieder, lehne mit dem Rücken gegen ein geschlossenes Geschäftsportal und beobachte Kinder, die in der hier beginnenden Wüste spielen. Ein kleines Gör nimmt zwei Finger in den Mund und pfeift die Mitspieler zu sich. Es ist 14:00 und Horden von Jugendlichen strömen auf dieser Stadtrandstraße von der Schule nach Hause. Alle sind urlieb und machen einen behüteten und gepflegten Eindruck (Vielleicht sollten wir unsere Kids hier auf Schüleraustausch herschicken!?).

Während ich da so sitze, habe ich mehrfach das Erlebnis der besonderen Art: der Himmel speit bunte Hunde und schräge Tanten aus und danach kommt im Tieflug ein Vogel mit fletschenden Zähnen gerade auf mich zugeflogen. Es ist die „Pink“, die unsere Fallschirmspringer abgesetzt hat und die kurz vor mir abschwenkt und Kurs auf die Rollbahn nimmt. Alsdann Wanderer, kommst du nach Tozeur und es begegnet Dir halbstündlich ein seltsamer Vogel, dann grüß´ mir die Flugsportler, die Du am Flugplatz oder im „Rais el Ain“ finden wirst.

Tozeur I

Auf zum „Belvedere“. Zur heißen Quelle. Auf einer Sandpiste aus Touzeur hinausschlendern. Einem kleinen Bach folgend. Die Quelle kommt aus einem großen Rohr (vermutlich 24 km weit hergeleitet). Das Wasser sprudelt in einen kleinen malerisch gelegenen Tümpel. Ein Dutzend einheimische Männer nehmen dort ein Bad. Ich will die Idylle nicht stören und schlendere weiter. Hin zu dem großen grossen Sandsteinhügel, von dem aus man zum einen auf Touzeur blickt und zum anderen über eine Ziegelei hinaus ins die Wüste.

Der Platz animiert zum inneren Einhalt. Man blickt auf das Unglaubliche, auf die Entstehung einer virtuellen Realität, auf ein Areal prachtvolle Bauten, die mit dem restlichen Leben hier nicht viel gemein haben: auf ein erhabenes Touristen-Ghetto, welches so viel Wasser verbraucht, dass außerhalb die Palmen verdorren.

Ich beschließe, durch den Wüstensand am Stadtrand Touzeurs entlang zu wandern und mich vom Süden her in die Stadt treiben zu lassen. „Heißer Sand und die Erinnerung an Dich“ fällt mir ein. Vermutlich, weil man in der Wüste nur die Träume beschwören kann und die Erinnerung davor bewahren muss, als Fata Morgana entlarvt zu werden. Weil man auch im relativen Schutz der Oase nur die universelle Einheit beschwören oder an expansive Kriege denken kann. Oder lustvoll zwischen beiden Extremen zu schwanken beliebt.

Ich schlendere durch den Randbezirk Richtung Zentrum. Nettes bürgerliches Ambiente. Rege Bautätigkeit. Schöne bauliche Stilelemente sind Ziegelornamente und – wer sich´s leisten kann, verziert sein Entré mit schönen Keramik-Kacheln. Es ist Mittagszeit und unzählige Kinder und Jugendliche strömen von der Schule Richtung Mittagstisch. Gerne würde ich unsichtbar folgen um zu sehen, wie der Alltag bei ihnen zu Hause aussieht. Manche grüßen arg lieb und andere blödeln mich kess an. Die Mädels entpuppen sich als frecher als die Jungs.

Das Outfit der Schüler ist ziemlich brav und adrett. Insgesamt aber sieht man in Touzeur die gesamte Palette an Kleidungsformen. Demonstrative Nobel-Berber-Kleidung bei touristischen Dienstleistungen: bei armen Kutschern genauso wie bei den Chauffeuren der sündteuren Allradautos der diversen Tourismus-Agenturen. Alltags-Berber-Kleidung in der Altstadt, gemischt mit einer legeren Kleidung, die auch ein südfranzösischer Winzer tragen könnte sowie ein einfacher, sauberer Kleidungsstil mit Kopfbedeckung, der auf ein religiöses Denken schließen lässt. Daneben gibt es noch Beamte und die sozio-ökonomische Oberschicht. Sie folgt universellen Kriterien: wer dazu gehören will, muss es sich leisten können, staub und schweißfrei zu bleiben. Das gilt in der Technologie-Wüste einer internationalen Luftfahrt-Ausstellung, wie der ILA in Berlin (insbesondere in den Chalets von Daimler, Bombardier, Bell/Tectron, etc.) genauso, wie in einer Oase inmitten einer Sand-Wüste. In beiden Fällen ist das nicht so einfach zu bewerkstelligen.

Die holde Weiblichkeit bekommt man hierzulande nicht sooooo häufig zu sehen. Aber doch. Völlig verschleierte Frauen sieht man selten. Vermutlich wäre der Anteil sehr hoch, wenn all die, die zu Hause bleiben, auf die Straße gingen. Zumeist tragen Frauen Hosen und Hosenanzüge. Häufig auch mit erstaunlichem Chic. Ab und an sieht man auch Frauen mit kniefreien Röcken (und saisonbedingtem Mantel darüber), zumeist aber in Begleitung ihres Angebeteten. Man(n) kann sich aber auch wundern. Ein jugendliches Gör, welches mit einem Moped durch die Altstadt düst. Eine resolute, aber sehr nette Tante im Internet-Cafe, die kompetent das Netzwerk betreut. Die gemischte Jugendlichkeit dort ist aber weniger an realem als an virtuellem Kontakt interessiert.

Nach meiner Wanderung war ich sehr, sehr – nein, nicht müde – sondern hungrig. Ich liebe es, dann die kleinen tunesischen Garküchen aufzusuchen und regionale Köstlichkeiten zu probieren. Heute: Kamounia, ein goulaschähnliches Gericht aus Innereien und/oder verschiedenen Fleischsorten.

Nun kurz noch zum Tagesgeschehen. Habe Ali aufgesucht. Sage Euch: der wirklich Wagemutige, der letztendliche Scheißmichnix, ist nicht der, der sich mit High-Tech-Equipment aus dem Flieger schmeißt, sondern der, der hinter Ali auf dem Moped durch Touzeur düst. Links- oder Rechtsverkehr kennt der nicht, Ausweichmanöver werden nur in äußerstem Notfall gestartet und wenn er wo vorbeifährt, zieht man eher die Ohren ein, um sich keine Abschürfungen zuzuziehen. Mit ihm habe ich alle anstehenden Erledigungen absolviert.

Tozeur

Um 11:00 downtown geschlendert, der Anziehungskraft des Internet-Cafes widerstanden, selbiges links liegen gelassen, um nach Tagen der Kooperation mit der Fallschirmspringer-Meute endlich unter einheimische Menschen zu kommen. In einer arabischen Teestube meinen ersten „tee du menthe“ getrunken: süß und sehr stark. Nahrungsersatz für herumstreunende Männer, für hiesige, wie auch für mich. Ali, den Zahnluckerten kennengelernt. Gehört zu den erstaunlich vielen, die sich via Touristen passable Fremdsprachenkenntnisse angeeignet haben. In seinem Falle Deutsch. Bot wie so viele, seine Dienste an. Führungen, Einkaufshilfe, aber auch original tunesische Küche bei sich zu Hause für die ganze Hoteltruppe: Kuskus mit Kamelfleisch für 10 Dinar pro Person. Der Typ ist o.k., jedenfalls nicht aufdringlich.

Ein älterer Mann, der einfach auch gerne ohne Stress in der Teestube abhängt. Ich habe beschlossen, ab und an seine Dienste in Anspruch zu nehmen. Wenn man kein Arabisch kann und Französisch nur radebricht, dann braucht man einen Counterpart. Habe mich mit ihm für 14:00 verabredet. Inzwischen sah ich mir zwecks Orientierung die Innenstadt an. Ich suchte vergeblich nach einem „plan de ville“, habe den örtlichen „Suq“, einen eher tristen Wochenmarkt besucht und bin schließlich in einer Garküche in einer Nebenstraße gelandet. Dort habe ich erfahren, was der Normalbürger im Alltag ißt, nämlich „keftesch“, einen kleinen Teller mit mehreren Gemüsen, Salaten, einem Spiegelei und Hasrissa. Schmeckt köstlich, kostet 1 Dinar, Brot so viel man mag inbegriffen.

Als Gast der Garküche habe ich Feisal kennengelernt, der – wie könnte es anders sein, gleichfalls von Touristen lebt. Modell: halbwegs gut aussehender machoider Typ, der was von einer bevorstehenden Hochzeit mit einer Österreicherin schwafelt, mich in seinen Shop mitnimmt, obwohl ihm klar ist, dass ich nix kaufen werde. Ich denke, er wollte sich wirklich vorwiegend unterhalten, etwas politisieren, sein Deutsch weiterentwickeln. Wir sprechen einen seltsamen deutsch-französischen Kauderwelsch, der uns aber beiden etwas bringt, weil wir beide neue Vokabel lernen. Um 14:00 treffe ich Ali wieder.

In gut orientalischer Manier habe ich mich 15 Minuten verspätet. Ich lasse mir die Palmenhaine in der Oase zeigen. Sieht aus wie eine riesige Parklandschaft, ist aber klassisches cash crop-Areal: Plantagen mit Dattelpalmen, Bananenstauden, Feigenbäumen, Granatapfelbäumen, etc. Dazwischen mitunter Gemüseanbau. Vereinzelt Holzbaracken, in denen Landarbeiter und Wächter hausen. Nicht jetzt, weil jetzt ist Winter und nix zu holen. Aber vermutlich in der Saison, wenn die Arbeiten anstehen und die Bäume Früchte tragen. Erfahre, dass es einige Großgrundbesitzer gibt, denen jeweils hundertausende Palmen gehören und die im internationalen Großhandel tätig sind.

Daneben gibt es viele alteingesessene Familien, die kleinere Plantagen ihr eigen nennen. Befrage Ali auch über die Marabuts und beschließe, mir von ihm demnächst mal die ganzen Heiligen-Gräber Touzeurs zeigen zu lassen. Auf unserem Rundgang zeigt mit Ali schließlich noch die „wirkliche“ Altstadt, einen sehr gepflegten Stadtteil mit sehr schöner Lehmziegelarchitekur orientalischer Schönheit. In den heißen Sommertagen ist es hier sicherlich sehr sehr angenehm. Wir werfen kurz einen Blick in ein von außen als solches kaum erkennbares Gebetshaus. Ich will dort nicht stören und wir ziehen weiter.

Morgen, so haben wir vereinbart, sucht er mit mir einen Schneider auf und ich werde versuchen, mir eine Hose schneidern zu lassen. Ansonsten habe ich noch erfahren, dass man für ca. 300 Dinar pro Monat ein Haus mieten kann und sollte Andrea kommendes Jahr hier springen wollen, so würde ich gerne ein Haus und ein Auto mieten, was zusammen vermutlich immer noch billiger kommt, als diese extraterrestrischen Hotelanlagen, die ich wirklich nicht ausstehen kann und auf die ich mich nur wegen Andreas Ausbildung und der dazugehörigen Reportage eingelassen habe.

Zuallerletzt weiß ich jetzt auch noch, dass es unweit unseres Hotels Thermalquellen mit einem Teich geben soll, das „Belvedere“, in dem Tunesier und Touristen gleichermaßen schwimmen. Ich denke, dass ich mir das morgen auch mal anschauen werde. Heute jedenfalls habe ich mir ein Loch in den Socken gelatscht und Whisky & Datteln während des Tagebucheintrags redlich verdient. Alsdann, auf Wiedersehen bei den heißen Quellen!

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