Du hast keine Chance, aber nutze sie. (Achternbusch)

Kategorie: Musik

Die Strottern & die Riemergasse Nr. 11

Tradition ist ein Tummelplatz für Interpreten. Kulturelle Verniedlicher sind da genauso am Werk wie politische Instrumentalisierer. Will man diese weich gezeichnete Wirklichkeit sinnlich und hirnlich hinterfragen, dann lohnt ein Besuch der Strottern allemal. Diesmal in künstlerisch überzeugendem Zusammenspiel mit der JazzWerkstatt Wien. Politisch engagiert (etwa mit Antikriegsliedern von Soldaten aus dem Krieg)  und poetisch allemal (u.a. mit der Vertonung der Wiener Lyrik eines Peter Ahorner). Sanft begonnen und zum Furiosum gesteigert. Ein klasse Abend im Porgy & Bess

Dieser Veranstaltungsort entlockt mir immer ein breites Grinsen. War hier in der Riemergasse Nr. 11 doch einst das legendäre „Rondell„, das „Erste Wiener Raucherkino“. Dass man dort rauchen konnte, war in jener Zeit, in der auch die Club-2-Diskutanten im ORF noch rauchten, nichts Besonderes. Das Außergewöhnliche war, neben der Kaffeehaus-Bestuhlung, die Bedienung: die Damen kamen „oben ohne„. Da habe ich mich als pubertierender Jüngling mit gefälschtem Schülerausweis und allen zusammen gekratzten Schillingen hinein geschummelt, einen Gin Tonic bestellt und ich habe mich wirklich sich sehr, sehr erwachsen gefühlt.

Rare Friends

Manchmal muss es „Dezentral“ sein um seine innere Mitte zu finden. Zusammen mit Rare Friends klappt das auch.

Vor der Pause brillierten Rare Friends & Harald Pesata teils abwechselnd teils zusammen. Harald liefert eigene Texte auf Augenhöhe mit der Realität und mit den Gefühlen von Menschen, die sonst nicht im Rampenlicht stehen. Gnadenlos direkt in Sprache und Inhalt, präzise im Timing und dem Setzen der Akzente, und mit einer Präsenz auf der Bühne, die niemanden unberührt lässt. Rare Friends wiederum führen einen mit ihrem dunklen Rock auf die G’stettn menschlicher Existenz. Michael „Sprossi“ Spreitzer’s Stimme erinnert dabei mitunter an Anthony McKay von Exuma, wenn er den Mephistopheles besingt oder an Tom Waits, nach einer besonders tiefen Nacht. Zudem verwöhnen er und Cora mit nuancierter Gitarren- und Bass- Line.

Der zweite Teil des Abends bot mit dem AleXXX Miksch Trio nicht den fetzigen Rock früherer Sessions sondern bluesig-lyrische Hausmusik as its best. Zwei Gitarristen und ein Bassgeiger mit sicht- und spürbarer Freude an ihrer Arbeit. Es groovt, schwingt und rockt in perfekter musikalischer Eintracht. Nahezu unplugged. Bühnen-Augenblicke, über die man geneigt ist ganz altmodisch zu sagen: Verweile doch, du bist so schön.

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